lauftagebuch

Lauf langsamer als du kannst!

An diesem Wochenende fand das alljährliche Laufhighlight unserer Region statt: der Sparkasse 3-Länder-Marathon. Ich war wieder mittendrin. Nicht als Läuferin (ach ja, es zwickt und zwackt schon wieder …. grrrrr!), dafür bereits zum zweiten Mal als Referentin beim dazugehörigen Gesundheitssymposium, das vom Diagnostikzentrum organisiert wird.

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Wie ihr vielleicht wisst, arbeite ich dort als freie Mitarbeiterin und lernte dort am Messestand tolle Menschen kennen. Wir boten für die Messebesucher eine Körperfettmessung an und ich durfte an so manchem prominenten Messebesucher „Hand anlegen“ um herauszufinden, wie es so um die Fettdepots steht 😉  Unter anderem bei dem ehemaligen Mister Universe Fitness, Bernd Österle, und bei dem diesjährigen Hauptreferenten des Symposiums: Dr. Christian Peter Dogs.

Kennt ihr nicht? Ich bis gestern auch nicht. Aber ich wusste sofort, dass es wichtig ist, in seinen Vortrag zu gehen. Ich hatte nämlich vorab die Beschreibung gelesen und bei Dr. Dogs fand ich folgenden Text:

Laufen ist gesund, das ist keine Frage. Laufen ist gut für Körper und Seele – solange – zumindest aus Sicht des Psychosomatikers – das Laufen mit Spaß, Freude und Kommunikation verbunden ist. Viele kennen und schätzen das entspannende Gefühl, das sich nach der Laufeinheit ausbreitet, wenn es nicht mit dem zwanghaften Leistungs- und Vergleichsgedanken verbunden ist und man sich nicht immer wieder fragt, wie kann ich immer besser, höher, schneller werden.

Spannungszustände zu lösen funktioniert dann nicht mehr, sondern führt im Gegenteil schnell zur inneren Entwertung und bekommt damit Arbeitscharakter. Oft dienen Sport und Laufen, genauso wie die Arbeit, dann dazu, vor seinen Gefühlen „davonzulaufen“. Nicht ohne Grund sagen die Indianer: Die Seele geht zu Fuß. In diesem Vortrag erfahren Sie humorvoll und kompetent, warum die Seele Zeit braucht und nicht durch die Gegend rasen will …

Quasi genau mein Thema. Als bekennende Langsamläuferin, die zwar immer gerne anders wollte, aber nie konnte, war ich sehr interessiert an den Gedankengängen und Erfahrungen eines Mannes, der Menschen in seiner psychosomatischen Fachklinik betreut, die die meiste Zeit ihres Lebens eher auf der Überholspur lebten, anstatt am Rastplatz ein paar Fotos zu schießen.

Ich kann nicht mehr alles für euch zusammenfassen, denn es war umfangreich, informativ und regte mich stark zum Nachdenken an. Dr. Dogs sprach unter anderem darüber, dass es für die Psyche wichtig ist, langsamer zu laufen, als man kann. Im übertragenden Sinne aber auch im wortwörtlichen Sinn. Statt nur den Körper zu pflegen, damit die Seele Lust hat, darin zu wohnen, spricht sich Dr. Dogs dafür aus, die Seele (die Psyche) zu pflegen, und der Körper wird folgen. Scheinbar steht die Seele auf Langsamkeit. Macht sie mir irgendwie sympathisch.

Ich überlege gerade, ob mein Körper vielleicht doch ein wenig schlauer ist, als der Rest von mir. Jedes Mal, wenn mein Training zu anstrengend wird, wenn ich zu verbissen ein Ziel ins Auge fasse, wirft er mir mit schöner Regelmäßigkeit Knüppel zwischen die Beine. Mal ist es der gebrochene Zeh, mal eine Infektion, dann stürze ich wieder die Treppe runter (nachdem ich mich für einen Halbmarathon angemeldet hatte) oder mein Hüftbeuger gibt mir deutlich zu verstehen, dass er keine Lust mehr hat, immer weiter vorwärts zu rennen.

In letzter Zeit walke ich mehr, als ich laufe. Mache mehr Pausen als Sprints. Mache Bilder und genieße die Sonnenstrahlen. Die Pulsuhr läuft mit, aus reiner Gewohnheit. Das Marathon-Ziel ist grad irgendwo, nur nicht in meinem Kopf. Und noch weniger in meinem Herz. Ich laufe, weil und wenn ich Lust habe. Regelmäßig, mehrmals die Woche. Weil ich es brauche. Weil es sich gut anfühlt. Weil ich dann denken kann.  „Wenn du denken willst, dann lauf“, sagt Dr. Dogs. „Wenn du fühlen willst, bleib stehen.“ Und ich bleibe stehen. Mitten im Lauf. Einfach so. Gefühle brauchen Zeit, sagt er. Und ich denke, das stimmt.

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Manchmal ist es schön, den Gefühlen davonzulaufen – dem Stress, der Hektik, der Unzufriedenheit des Alltags. Aber manchmal ist es besser, wenn man stehenbleibt und diese Dinge wieder aufholen lässt. Denn im Endeffekt muss man sich seinen Gefühlen stellen. Ob nun laufend oder stehend. Und wenn es immer wieder dieselben Emotionen sind, die einen in die Laufschuhe treiben, dann ist es nicht der verkehrteste Weg, sich zu überlegen, etwas an der Situation zu ändern, die diese Gefühle auslöst.

Und dann wird das Laufen plötzlich wieder leicht(er). Dann darf es wieder das sein, was es sein soll. Die wohltuende Bewegung, die jeder Körper braucht. In meinem Leben gibt es vieles, das auf der Überholspur abläuft – aber das Laufen hat mich schon immer ausgebremst. Da war ich schon immer im Schildkrötentempo unterwegs. Ich dachte anfangs, dass das ein Makel wäre. Etwas, das ich „loswerden“ müsste, durch viel Training und noch mehr Fleiß. Schon lange Zeit denke ich in dieser Beziehung anders, das wisst ihr ja. Nicht umsonst gibt es viele Turtlerunners, die mittlerweile dazu stehen, weil ich es vorgemacht habe. Und nach diesem Vortrag von Dr. Dogs denke ich sogar, dass dieses „nicht schneller können“ vielleicht sogar ein Segen ist. Für meine Seele auf jeden Fall.

Und ich schmunzle heute noch den ganzen Tag über die Worte am Schluss des Vortrages von Dr. Dogs, denn die hätten glatt von mir sein können. Ich gebe das jetzt einfach sinngemäß in meinen Worten wieder, denn den exakten Wortlaut bringe ich nicht mehr her – ich hoffe, Sie verzeihen mir das, Herr Dr. Dogs, falls Sie zufällig hier reinschauen.

Die Sieger des 3-Länder-Marathons stehen doch sowieso schon fest und vermutlich wird es niemand der hier Anwesenden sein. Wieso also eilig irgendeiner Bestzeit hinterherjagen – bleiben Sie doch mal stehen und schießen ein paar Bilder vom Bodensee, es ist so schön hier!

Recht hat er. Es ist so schön hier. Da kann man nicht einfach so dran vorbeilaufen. Zumindest ich kann es nicht. Und ich will es auch nicht. In diesem Sinne wünsche ich euch eine schöne Woche und probiert’s doch einfach mal aus: Lauft langsamer, als ihr könnt. Einfach so.

Viel Spaß!

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To be continued.

 

2 Kommentare

  1. liebe judith,
    ich danke dir für diesen tollen artikel und die weisen worte. wie recht ihr beide doch habt!es ist wichtig stehenzubleiben und in sich reinzuhören.der körper sagt einem jederzeit was er braucht, aber auch, was nicht.man muss nur genau hinhören.dein artikel hat mir mut gemacht, trotz bandscheibenvorfall bald wieder laufen zu können.vielleicht erst mal nicht so weit,aber ich werde laufen können.das weiss ich! zwischendurch werde ich stehenbleiben und den weg geniessen.der weg ist ja bekanntlich auch das ziel… ;-).

    es ist schön,dass wir uns getroffen haben! ❤️

    • Liebe Nina, vielen Dank für dein Feedback. Lass dir Zeit, geh kleine Schritte und immer etwas langsamer als du kannst 🙂 Ich wünsche dir eine gute Besserung und halt mich auf dem Laufenden, was in meiner Lieblings-Frühstücks-Stadt alles so geschieht. Grüße vom Bodensee!

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