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Gewicht: Vertrauen ist gut, Kontrolle ist …

MIST.

Zwei Kilo mehr auf der Waage seit dem letzten Mal! Nein, keine 200 Gramm, diesmal sind es wirklich zwei Kilo und das kann für mich schon eine beängstigende Größe sein. Und dennoch hat es heute einen anderen Stellenwert als vor drei Jahren.

Vor kurzem habe ich euch gefragt, wie es euch geht mit der Angst, wieder zuzunehmen (oder überhaupt zuzunehmen). Es kam interessantes Feedback und bei vielen ist die Angst im Untergrund immer ein wenig da, andere scheinen darüber hinweg zu sein. Bei mir ist es weder das eine noch das andere. Die Angst ist da, aber sie ist etwas in die Ferne gerückt – wie ein entfernter Verwandter, der 1-2 x im Jahr auf Besuch kommt und mir dann tierisch auf die Nerven geht.

Zu Beginn stand ich jeden Tag auf der Waage. Manchmal sogar zweimal. Morgens und abends. Ich war neugierig, wollte sehen, wie sich mein Gewicht „entwickelt“. Oder hatte ich einfach nur Angst und wollte kontrollieren? Seit einigen Monaten merke ich, dass ich mich seltener wiege. Vielleicht 1-2 x in der Woche. Und ich habe festgestellt, dass ich anhand meines Bauchs fast zu 99% genau sagen kann, ob ich etwas mehr auf die Waage bringe als normal. Es hat sich ein Körpergefühl eingestellt. Als ich das erste Mal vor ein paar Monaten plötzlich zugenommen habe, war die Angst wieder da. Ich wurde panisch, überlegte, was ich tun sollte, fing an mein Essen streng zu kontrollieren und merkte nach ein paar Stunden, dass ich das überhaupt nicht wollte. Es fühlte sich nicht richtig an. Ich erinnerte mich an einen Spruch, den ich mal irgendwo gelesen hatte:

Angst klopft an. Vertrauen öffnet. Keiner da.

So versuchte ich etwas, was ich noch nie davor gemacht hatte: Ich vertraute darauf, dass mein Körper das schon regeln würde. Ok, das war zu Beginn nicht ganz einfach, denn die Angst saß ja immer noch im Nebenzimmer und wartete auf ihren großen Auftritt. Aber den bekam sie nicht. Ich hörte auf meinen Bauch, aß, nach was er verlangte und lebte mein Leben so, als wenn nichts passiert wäre (ist es ja in Wirklichkeit auch nicht). Nach einer Woche (manchmal dauerte es auch zwei Wochen), war mein Gewicht wieder dort, wo es immer ist und wo es hingehört. Ich glaube, mein Körper weiß das inzwischen und solange ich nicht anfange, ständig Dinge zu essen, die mir nicht gut tun – und ja, das merkt man – wird er das Gewicht auch dort halten. Da bin ich mir inzwischen sicher.

Ich werde nie mehr anfangen, mein Essen zu kontrollieren – solange ich ein Gefühl, ein Gespür, ein Wissen für meine Bedürfnisse habe, brauche ich das nicht. Und die Sache mit der Angst und dem Vertrauen, ja, das braucht halt Zeit. Dennoch lohnt es sich. Alles andere macht mich nur verrückt. Ich bin froh, dass es so ist, wie es ist.

Mehr davon

Dieses Thema und überhaupt das Thema „intuitiv essen“ ist für mich ein sehr wichtiges, da ich es lange Zeit verlernt habe. Für den Februar bereite ich im Turtlerunners-Club einiges dazu vor: Übungen, Nachdenkliches und ein Online-Seminar. Im Club sollen Dinge entstehen, die wirklich helfen. Sei es mit einer anderen Sichtweise oder einem konkreten Weg, etwas anzugehen.

Ihr begleitet mich nun seit langer Zeit und kennt meine Hoch’s und Tief’s. Was mich interessieren würde, nachdem ihr soviel über mich wisst, wie geht es denn eigentlich euch? In welcher Phase steckt ihr gerade? Seid ihr schon losgelaufen – oder sitzt ihr noch auf der Couch und wartet auf den Startschuss? Was fehlt dir, um aufzustehen? Was für Gedanken & Situationen begegnen dir immer wieder und du weißt einfach nicht, wie du damit umgehen sollst?

Schreib mir bitte, denn ich möchte es wirklich gerne wissen. Ich habe selbst viel erlebt, aber jeder Mensch ist einzigartig und du stehst vielleicht vor völlig anderen Herausforderungen, als ich damals.

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Der Zeh ist inzwischen nicht mehr ganz so blau, aber das Gewicht ist dasselbe. Mal mehr, mal weniger 😉

 

 

12 Kommentare

  1. Liebe Judith!

    Ich bin grad sehr begeistert von deinem Artikel! Mir gehts nämlich ziemlich ähnlich wie dir! Ich hab jahrelang genau kontrolliert und aufgeschrieben, was ich esse. Seit ungefähr zwei Jahren bin ich frei von diesen Zwängen und mein Gewicht ist fast immer das gleiche, obwohl ich Tage habe, an denen ich wirklich viel esse, das gleicht sich dann an anderen Tagen aber automatisch wieder aus! Ich höre einfach auf meinen Körper, was ich früher nicht getan hab!

    Alles Liebe und mach weiter so! Bettina

    • Judith Riemer

      Bettina, herzlichen Glückwunsch! Toll, dass du das geschafft hast. Das gibt Hoffnung. Ich bin zu 85% auch dorthin unterwegs, aber hin und wieder wirft es mich zurück. Dennoch glaube ich, dass sich das Vertrauen mit der Zeit wieder einstellt. Danke für deine Nachricht! =D

  2. Ich bin noch in dem Stadium, in dem du, liebe Judith, warst, BEVOR du angefangen hast mit dem Laufen.
    Ich hatte vor 2 Monaten einen Zusammenbruch und rapple mich seither wieder auf, habe angefangen, 3-5 Mal pro Woche einen grossen, „strammen“ Spaziergang zu machen und esse wieder vegan. Es geht also vorwärts, aber ich hab noch nichts abgenommen. Ich hab seit drei Tagen dein Buch hier und lese sporadisch drin, so wie ich halt dazu komme (meine beiden Kinder sind krank). Ich wünsche mir Nichts mehr, als dass ich abnehme und wirklich in Bewegung komme- aber ich habe viele Ängste, dass auch dieser neue Start wieder nicht von Dauer ist.
    Soweit zu meiner aktuellen Situation.
    Liebe Grüsse! Sabine

    • Judith Riemer

      Liebe Sabine! Vielen, lieben Dank für deine offenen Worte – ich kann so gut mitfühlen! Und doch hast du schon etwas geschafft. Es ist großartig, dass du bereits Spaziergänge machst (habe ich damals nicht, ich rührte keinen Finger). Abgenommen habe ich zu Beginn überhaupt nicht. Doch, 2 kg und dann monatelang gar nichts mehr – ich verstand die Welt nicht mehr. Wenn ich dir einen Tipp geben kann, dann diesen: such dir deine Motivation jenseits der Waage. Sobald dich etwas antreibt, das unabhängig ist von der Gewichtsentwicklung bist auch du unabhängig – sonst hat das Miststück (meine Waage heißt so) immer wieder die Kontrolle über deine Gefühle und dein Vorankommen. Deine Angst verstehe ich so gut! Glaub mir, am Anfang war es nur ein verrückter Traum – in Wirklichkeit dachte ich auch immer wieder „das wird doch eh wieder nix“, aber ich hab einfach trotzdem weitergemacht. Manchmal muss man das, was man so denkt, einfach ignorieren. Es sind sehr wertvolle Informationen, die du mir schickst – ich werde sie in die Inhalte des Turtlerunner-Clubs einfließen lassen, denn deine Ängste waren auch meine und sind die von vielen. Dabei kann ich euch helfen, zumindest einen Schubs geben – laufen könnt ihr dann selbst 🙂 Ich melde mich die nächsten Tage nochmal per e-Mail bei dir. Liebe Grüße und danke nochmal!

  3. Susanne Bauch

    Eine ganze Zeitlang nach dem großen Abnehmen konnte ich die Waage wieder gut ingnorieren.
    Alles hat irgendwie gepasst. Kleine Schwankungen hab ich super annehmen können.
    Als vor einem knappen halben jahr, dann wieder ein körperlicher Umschwung kam und die Waage einfach nur wieder nach oben ging, hab ich dann das Vertrauen wieder verloren.
    Wie lange es dauert bis sich alles wieder einpendelt weiß ich nicht.
    Ich bin aber mittlerweile wieder deutlich entspannter geworden, was aber daran liegt, dass sich das Gewicht momentan stabilisiert hat.
    Wie die weitere Entwicklung wird, kann ich noch garnicht einschätzen, was mich einfach wachsam bleiben lässt.
    Das bewusste Essen ist bei mir das A und O und alles etwas langsamer und entspannter Angehen ebenfalls.
    Mal sehen wie es weiter geht.

    • Judith Riemer

      Hallo Susanne! Danke für dein Feedback – was mich interessieren würde: du schreibst, es ist mittlerweile entspannter geworden, weil sich das Gewicht stabilisiert hat. Könnte das auch umgekehrt funktionieren?

      • Susanne Bauch

        Daran arbeite ich gerade: entspannen beim Essen.
        Wieder genießen können, wieder überlegen was mir gerade schmeckt und auch mal feststellen: das mag ich eigentlich garnicht.
        Und während einer Mahlzeit feststellen: jetzt ist der Sättigungspunkt erreicht und die letzte Kartoffel liegenlassen für den nächsten Hunger.
        Womöglich deshalb etwas wegwerfen müssen? Furchtbar!
        Also arbeite ich mit kleinen Portionen und ganz viel Zeit – WENN ich es schaffe.
        Im Laufe eines Tages und ungefähr 5-6 Mahlzeiten ist das schon ungefähr 3mal.
        Die einzelnen Mahlzeiten wo ich es schon schaffe so zu essen, fühle ich mich sehr, sehr gut.
        Ich übe essen.
        Schräg – oder?
        Was gesund ist, weiß ich ja. Das ist nicht das Problem.
        Aber ich stelle fest, dass ich die Hälfte von all dem guten Essen gar icht richtig mitbekomme.
        Und das fängt beim Kochen schon an. Und auch da ist es schade um all die guten und schönen Sachen mit denen ich da arbeiten darf.
        Kochen ist meine liebste Haushaltsbeschäftigung und so oft findet sie viel zu hektisch statt.
        Die nächsten Wochen ist das mein wichtigstes Kriterium.
        So essen und auch genauso trainieren.

  4. Es gab bei mir auch eine Zeit in der ich mich viel gewogen hab und über jede kleine negative Veränderung auch besorgt war. Aber irgendwann kam einmal der Punkt wo ich mir gesagt hab ich darf mich von dieser Zahl nicht leiten lassen. Wichtiger ist doch das es mir gut geht und ich weiß ja was mir gut tut und was nicht (Essenstechnisch). Und ganz wichtig das es schmeckt und ich mich wohl fühl. Deshalb ignorier ich die Waage seitdem und lasse mich, wie du, von meinem Körper leiten.

    • Judith Riemer

      Hallo Florian! Genau, auf den Punkt gebracht: sich nicht von einer Zahl leiten lassen. Es hat viel zu viel Einfluss und ist eigentlich unnötig. Aber das zu erkennen und dann umzusetzen braucht (zumindest in meinem Fall) Zeit. Es läuft schon ganz gut und ich bin froh, dass es so ist, wie es jetzt ist. Vor ein paar Jahren noch undenkbar! LG Judith

  5. Tja, ich hatte mich 2006 auf den Weg gemacht. Es gab einen Zeitpunkt, da hatte ich ca. 50kg abgenommen, war total happy, da ich nie geglaubt hatte von den 108kg wegzukommen. Ich hatte auch das Gefühl/Wunsch irgendwann nicht mehr kontrollieren zu wollen/müssen. Momentan habe ich mich aber verloren und wünschte es wäre ich auf der Waage deines Bildes. Ich laufe, esse vegan, aber bin nicht bei mir.

    • Liebe Sarah, danke für deine offenen Worte hier. Ich verstehe dich sehr gut. Es ist ein Thema, über das ich in letzter Zeit sehr viel nachdenke und auch in mich reinspüre. Denn es ist nicht selbstverständlich „bei mir zu sein“. Leider. Es sollte es sein, aber es ist es nicht (immer). Für den Moment möchte ich dir nur sagen – unabhängig vom Gewicht – du bist nicht allein. Ich denke weiter nach und schreib in nächster Zeit etwas darüber aus meiner Sicht und was mir auffällt. Halt die Ohren steif und tu Dinge, bei denen du dich (wohl) fühlst. Und das am besten so oft wie es irgendwie geht. Liebe Grüße!

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